Vom Irrglauben zur Krankheit:

Zocken, bis der Arzt kommt

Aber die Ärzte sind unfähig Deichgrafen in virtueller Flut

Die Kapitalisten Europas und ihre Helfer verdienten gut, die Wirtschaft war stabil und längst war es nötig, dass auch die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer etwas mehr von dem Erwirtschafteten abbekamen. Da entdeckte ein Bankmensch nach dem anderen, dass man es wohl mit den Zertifikaten, Derivaten und sonstigen, neuen und alten Spielzeugen ein wenig übertrieben hatte. Musste aber nicht die Freiheit zum Bonusrausch einfach einmal unbegrenzt sein?

500 Millionen, 5 Milliarden, 50 Milliarden im Sand; da hat sich ein altes, sehr konservatives Gewerbe ganz schön verrannt. Dem kleinen Selbständigen, der noch nicht einmal ein Haus sein Eigen nennt, hat man ja noch nie was gegeben. Zu bieder und zu langweilig ist solch ein Kerl. Aber bei den größeren kam auch früher immer mal wieder ein verwerflicher Kitzel auf, so eine richtige Gier unter den Nadelstreifen, selbst wenn der Baulöwe den so gewöhnlichen Namen "Schneider" trug. Alles vergessen?

Der Irrtum damals hatte den Nachteil, dass er zu klein war, um den Arzt in Bewegung zu setzen. Kleiner Kater, Portokasse, "Peanuts", kein Fall für die Krankenkasse, wenn auch steuerlich absetzbar. Da ist es eigentlich gut, dass man nun mal so richtig ausgeflippt ist.

Und gut war es auch, dass der kleine Draufgänger und EU-Napoleon, Sarkozy, mal wieder ein Problem hatte. Da seine vielfach erprobte Anmache bei Frau Merkel nicht verfing, hat er ihr Angst eingejagt. Und da ja nächstes Jahr in Deutschland Wahlen sind, sahen auch die Dummköpfe der "Großen Koalition", dass endlich Heldentaten hermussten. Kein Erdbeben und keine Flut an Oder oder Elbe in Sicht; wie konnte man da ein Deichgraf werden? Ganz einfach: In einer unvorstellbar großen, virtuellen Flut, gegen die man innerhalb weniger Tage einen Deich aus 500 Millionen Euros baut.

Das haben die Zocker an der Börse sofort erkannt. Damit auch nichts schief geht, haben sie die Kurse noch einmal richtig in den Keller sausen lassen und der virtuellen Flut freudig die Tore geöffnet.

500 Milliarden; davon könnten alle Hartz-Empfänger 15 Jahre lang leben, und die meisten Debatten über "Kürzungen" wären entbehrlich. Aber das wäre ja weder heldenhaft noch sexy. Und Angst würde es dem Volk auch nicht einjagen, im Gegenteil.

Wenn der Schaden nicht so groß wäre, müsste man wirklich lachen. Immerhin haben wir etwas Satire anzubieten:

Christoph von Brincken:

Politische Plakate vom Berliner Bankenskandal bis zur "Finanzkrise"

Ausstellungseröffnung am Freitag, den 28. November 2008, um 19 Uhr
im H6-KUNSTRAUM, Neukölln, Hertastr. 6, 12051 Berlin